Zypern

Unzugänglich jedem Erdensohne,
Türmt, geweiht der himmlischen Dione,
Sich auf Zyperns östlichem Gebiet
Hoch ein Berg hinan, der in den Rachen
Der beschäumten See den siebenfachen
Wogenfall des Niles stürzen sieht.

Nie beschneit, vom Hagel nie verletzet,
Nie der Wut des Sturmwinds ausgesetzet,
Grünt er stets in gleicher Üppigkeit:
Goldnen Wallen, die Vulkan erbaute,
Als zum Lohn ihm Venus eine traute
Nacht gewährte, dankt er Sicherheit.

Herrlich schmückt ein stäter Lenz die Äste:
Blumen blühn, gepflegt vom milden Weste,
Nie verwelkend überall empor,
Und der Wohllaut süßer Nachtigallen,
Deren zaubrisches Konzert aus allen
Büschen wiedertönt, entzückt das Ohr.

Junge Palmen und Platanen neigen,
Sich zu gatten, mit gesenkten Zweigen
Liebevoll sich zu einander hin:
Zärtlich hört man Pappeln wechselweise
Seufzen, und die Erle flüstert leise
Mit der schönbelaubten Nachbarin.

Eintrachtsvoll vereinen hier zwei kleine
Quellen ihr Gewässer, deren eine
Honigseim enthält, die andre Gift:
Amor taucht in ihre sanften Wellen
Sein Geschoss, und Wonn’ und Schmerz gesellen
Sich daher in Herzen, die er trifft.

Mit bemalten Köcherchen beladen,
Schwärmen spielend an den Lustgestaden
Holde Amoretten rings umher:
Lachend üben die noch schwachen Schützen
Ihre Kunst an Nymphen: andre spitzen
Emsig auf dem Wetzstein ihr Gewehr.

Lüsternheit, die keinen Zügel kennet,
Zorn, der schnell erlischt, und schnell entbrennet,
Meineid, Unbestand und Rachbegier
Haben samt dem Liebreiz blasser Wangen
Und dem sprachlos schmachtenden Verlangen
Blöder Jugend ihre Heimat hier.

Dicht umhüllt von schattichtem Gesträuche,
Badet oft in einem Silberteiche
Zypris hier, von Grazien bedient:
Ringsum schwingen rasche Liebesgötter
Dann die Geißel, wenn dem Schirm der Blatter
Lauschend sich ein Faun zu nahn erkühnt.

Nur der Glücklichste der Erdensöhne,
Nur Adon sieht straflos diese Szene:
Wenn der Jüngling zu erscheinen pflegt,
Schleichen sachte sich die Charitinnen
Mit den Amoretten fern von hinnen,
Und der Liebe Feierstunde schlägt.

Joseph Franz Ratschky, 1801